AD(H)S und die sog. therapieresistente Depression
Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, doch nicht jede Behandlung führt zum gewünschten Erfolg. Wenn mehrere Therapieansätze keine ausreichende Wirkung zeigen, spricht man von einer therapieresistenten Depression. In der Forschung rückt dabei zunehmend ein Faktor in den Fokus, der lange unterschätzt wurde: ADHS im Erwachsenenalter.
Zwischen ADHS und Depression besteht ein enger Zusammenhang. Studien zeigen, dass Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger an Depressionen erkranken und diese oft früher, intensiver und langwieriger verlaufen. Ein wesentlicher Grund liegt in den neurobiologischen Überschneidungen. Sowohl ADHS als auch Depression betreffen zentrale Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin, was erklären kann, warum klassische Antidepressiva bei Betroffenen mit ADHS nicht immer ausreichend wirken. Hinzu kommen lebensgeschichtliche Faktoren wie wiederholte Misserfolge, chronischer Stress und ein häufig angeschlagener Selbstwert, die depressive Entwicklungen begünstigen. Auch die emotionale Dysregulation, ein oft wenig beachteter Teil von ADHS, spielt hierbei eine zentrale Rolle.
Besonders herausfordernd ist, dass sich viele Symptome überschneiden. Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit oder innere Unruhe können sowohl Ausdruck einer Depression als auch eines ADHS sein. Dadurch bleibt ADHS im Erwachsenenalter häufig unerkannt und wird fälschlicherweise als Teil der Depression interpretiert. Genau hier liegt ein entscheidender Punkt: Mehrere Studien weisen darauf hin, dass unerkanntes ADHS ein wesentlicher Risikofaktor für therapieresistente Depressionen sein kann. In solchen Fällen wird die Depression behandelt, während die zugrunde liegende Problematik unbeachtet bleibt.
Für die Praxis bedeutet das, dass bei ausbleibendem Therapieerfolg eine differenzierte Diagnostik sinnvoll ist. Wird ADHS erkannt und gezielt behandelt, eröffnen sich oft neue Perspektiven. Kombinationen aus medikamentöser Behandlung und psychotherapeutischen Ansätzen zeigen, dass sich nicht nur die ADHS-Symptomatik, sondern auch depressive Beschwerden deutlich verbessern können. Für viele Betroffene ist die Diagnose im Erwachsenenalter zunächst überraschend, gleichzeitig aber auch entlastend, weil sie Zusammenhänge erklärt, die zuvor unverständlich erschienen.
Therapieresistenz bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass eine Depression „nicht behandelbar“ ist. Häufig ist sie ein Hinweis darauf, dass ein entscheidender Aspekt bislang nicht berücksichtigt wurde. Der Blick auf ADHS kann in diesen Fällen ein wichtiger Schlüssel sein – und für Betroffene den Beginn eines neuen, wirksameren Behandlungswegs markieren.
