ADHS und Hyperfokus – hoch konzentriert statt unaufmerksam?

„Du hast doch ADHS – wie kannst du dann stundenlang konzentriert sein?“

Diese Frage hören Erwachsene mit ADHS nicht selten. Tatsächlich berichten viele, dass sie sich bei bestimmten Tätigkeiten so intensiv konzentrieren können, dass sie Zeit, Hunger oder ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen.

Dieses Phänomen wird häufig als Hyperfokus bezeichnet.

Auf den ersten Blick scheint das im Widerspruch zu ADHS zu stehen. Doch ADHS bedeutet nicht, grundsätzlich unfähig zu sein, sich zu konzentrieren. Vielmehr kann es schwierig sein, Aufmerksamkeit gezielt zu steuern und flexibel zu wechseln.

Was ist Hyperfokus?

Unter Hyperfokus versteht man eine Phase außergewöhnlich intensiver und länger anhaltender Konzentration auf eine bestimmte Tätigkeit.

Typisch kann beispielsweise sein:

  • stundenlang an einem interessanten Projekt zu arbeiten
  • beim Lesen, Spielen oder Recherchieren die Zeit völlig zu vergessen
  • Hunger oder Müdigkeit kaum wahrzunehmen
  • andere Aufgaben auszublenden
  • nur schwer mit einer Tätigkeit aufhören zu können
  • kaum auf Ansprache oder äußere Reize zu reagieren

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht nur die starke Konzentration.

Problematisch kann vor allem der Wechsel der Aufmerksamkeit werden.

Ein Mensch mit ADHS kann also Schwierigkeiten haben, eine langweilige Aufgabe zu beginnen – und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, eine interessante Tätigkeit wieder zu beenden.

Ist Hyperfokus ein offizielles ADHS-Symptom?

Nein.

Hyperfokus gehört weder zu den diagnostischen Kernkriterien einer ADHS noch existiert bislang eine einheitliche wissenschaftliche Definition.

Eine Übersichtsarbeit von Ashinoff und Abu-Akel (2021) weist darauf hin, dass der Begriff in der Forschung sehr unterschiedlich verwendet wird. Die Autoren beschreiben Hyperfokus als intensive Versenkung in eine Tätigkeit, bei der andere Informationen und Anforderungen weitgehend ausgeblendet werden. Gleichzeitig betonen sie, dass die wissenschaftliche Forschung hierzu noch vergleichsweise begrenzt ist.

Hyperfokus sollte deshalb nicht als diagnostisches Merkmal von ADHS dargestellt werden.

Dass viele Erwachsene mit ADHS dieses Phänomen erleben, ist allerdings inzwischen auch wissenschaftlich gut dokumentiert.

Was zeigen Studien?

Eine wichtige Untersuchung stammt von Kathleen Hupfeld, Tessa Abagis und Priti Shah.

In ihrer Studie Living “in the zone”: hyperfocus in adult ADHD untersuchten sie zwei Gruppen mit insgesamt mehr als 600 Erwachsenen.

Personen mit stärkeren ADHS-Symptomen berichteten häufiger von Hyperfokus – sowohl beim Lernen als auch bei Hobbys und Bildschirmaktivitäten.

Die Autoren entwickelten dafür sogar einen eigenen Adult Hyperfocus Questionnaire. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Hyperfokus möglicherweise ein relevantes, von den klassischen ADHS-Symptomen unterscheidbares Phänomen darstellt.

Eine weitere Studie von Pimenta und Kolleg:innen (2024) untersuchte 380 Studierende.

Auch hier zeigte sich: Je ausgeprägter ADHS-Symptome und Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen waren, desto häufiger wurde Hyperfokus berichtet. Schwierigkeiten der exekutiven Steuerung erklärten einen Teil dieses Zusammenhangs.

Das passt zu einer wichtigen Vorstellung moderner ADHS-Forschung:

Das Problem ist nicht unbedingt zu wenig Aufmerksamkeit – sondern ihre Regulation.

Warum entsteht Hyperfokus?

Das ist noch nicht vollständig geklärt.

Eine mögliche Erklärung betrifft die sogenannten exekutiven Funktionen. Sie helfen uns unter anderem dabei,

  • eine Aufgabe zu beginnen,
  • Prioritäten zu setzen,
  • Aufmerksamkeit zu lenken,
  • Ablenkungen auszublenden
  • und von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln.

Gerade diese Fähigkeiten können bei ADHS beeinträchtigt sein. Eine große systematische Übersichtsarbeit zu den kognitiven Funktionen bei erwachsener ADHS zeigt deutliche, wenn auch individuell sehr unterschiedliche Schwierigkeiten in verschiedenen Bereichen exekutiver Kontrolle.

Hyperfokus könnte damit weniger eine außergewöhnlich gute Konzentrationsfähigkeit sein als vielmehr eine Situation, in der die Aufmerksamkeit besonders stark gebunden wird und sich nur schwer wieder lösen lässt.

Interesse spielt eine wichtige Rolle

Viele Menschen mit ADHS kennen einen auffälligen Unterschied:

Eine langweilige Verwaltungsaufgabe erscheint nahezu unüberwindbar.

Ein interessantes Thema dagegen kann mehrere Stunden Aufmerksamkeit bekommen.

Das wird manchmal vereinfacht mit einem „dopamingesteuerten Gehirn“ erklärt. Diese Formulierung ist zwar anschaulich, wissenschaftlich aber zu simpel.

Richtig ist: Bei ADHS spielen Veränderungen in neuronalen Systemen eine Rolle, an denen unter anderem Dopamin und Noradrenalin beteiligt sind. Motivation, Belohnung, Aufmerksamkeit und exekutive Kontrolle hängen jedoch komplex zusammen.

Deshalb sollte Hyperfokus nicht einfach als „Dopaminschub“ bezeichnet werden.

Ist Hyperfokus eine Stärke?

Manchmal durchaus.

In einer produktiven Hyperfokusphase können Menschen enorm viel schaffen. Sie können tief in komplexe Themen eintauchen, kreative Lösungen entwickeln oder sich außergewöhnlich intensiv mit einem Fachgebiet beschäftigen.

Gerade bei beruflichen oder kreativen Tätigkeiten kann das als große Stärke erlebt werden.

Aber Hyperfokus hat eine zweite Seite.

Aus „Ich arbeite gerade unglaublich konzentriert“ kann schnell werden:

„Es ist drei Uhr nachts – und ich habe seit acht Stunden weder gegessen noch etwas anderes erledigt.“

Andere mögliche Folgen sind:

  • wichtige Termine zu vergessen
  • Schlaf zu vernachlässigen
  • notwendige Aufgaben aufzuschieben
  • körperliche Bedürfnisse zu ignorieren
  • Partner:innen oder Familie unbeabsichtigt auszublenden
  • Schwierigkeiten, die Tätigkeit rechtzeitig zu beenden

Deshalb ist die populäre Beschreibung des Hyperfokus als reine „ADHS-Superkraft“ zu einseitig.

Er kann Ressource und Problem zugleich sein.

Hyperfokus ist nicht dasselbe wie Flow

Ein verwandter Begriff ist der sogenannte Flow-Zustand.

Beim Flow erleben Menschen eine Tätigkeit als angenehm, herausfordernd und gleichzeitig gut bewältigbar. Konzentration und Handlung wirken nahezu mühelos.

Hyperfokus kann sich ähnlich anfühlen – ist aber nicht identisch.

Vor allem der Verlust flexibler Kontrolle kann ein Unterschied sein. Wer im Hyperfokus steckt, möchte möglicherweise eigentlich aufhören, schafft den Wechsel aber nur schwer.

Auch Ashinoff und Abu-Akel weisen darauf hin, dass Hyperfokus und Flow Überschneidungen haben, wissenschaftlich jedoch nicht gleichgesetzt werden sollten.

Wie lässt sich Hyperfokus sinnvoll nutzen?

Das Ziel muss nicht sein, Hyperfokus grundsätzlich zu verhindern.

Hilfreicher ist es, ihn steuerbarer zu machen.

Dabei können einfache Strategien helfen:

  • vor Beginn einer interessanten Tätigkeit einen Timer stellen
  • vorher festlegen, wann Schluss sein soll
  • Pausen sichtbar einplanen
  • Essen und Trinken griffbereit stellen
  • wichtige Termine durch Alarme absichern
  • andere Menschen bitten, bei Bedarf beim Unterbrechen zu helfen
  • besonders geeignete Hyperfokus-Zeiten bewusst für anspruchsvolle Projekte nutzen

Und vor allem:

Nicht nur das Beginnen einer Aufgabe braucht Struktur – manchmal auch das Aufhören.

Fazit

Hyperfokus ist kein offizielles Diagnosekriterium der ADHS. Die wissenschaftliche Forschung zeigt jedoch zunehmend, dass Menschen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen häufiger solche Phasen intensiver Konzentration erleben.

Das scheinbare Paradox lässt sich auflösen:

ADHS bedeutet nicht einfach „zu wenig Aufmerksamkeit“. Es bedeutet häufig Schwierigkeiten damit, Aufmerksamkeit situationsgerecht zu regulieren.

Manchmal springt sie von einem Reiz zum nächsten.

Und manchmal bleibt sie ungewöhnlich lange an genau einer Sache hängen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:

„Kann ich mich konzentrieren?“

Sondern:

„Kann ich selbst steuern, worauf ich mich konzentriere – und wann ich meine Aufmerksamkeit wieder löse?“

Ausgewählte Literatur

Hupfeld KE, Abagis TR, Shah P. Living “in the zone”: hyperfocus in adult ADHD. Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 2019.

Ashinoff BK, Abu-Akel A. Hyperfocus: the forgotten frontier of attention. Psychological Research, 2021.

Pimenta MG, Gruhnert RK, Fuermaier ABM, Groen Y. The role of executive functions in mediating the relationship between adult ADHD symptoms and hyperfocus in university students. Research in Developmental Disabilities, 2024.

Onandia-Hinchado I, Pardo-Palenzuela N, Diaz-Orueta U. Cognitive characterization of adult attention deficit hyperactivity disorder by domains: a systematic review. Journal of Neural Transmission, 2021.